Praxisbeispiel | Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in den Hilfen zur Erziehung im Landkreis Dahme-Spreewald

Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in den Hilfen zur Erziehung im Landkreis Dahme-Spreewald

Beteiligung von Kindern und Jugendlichen in den Hilfen zur Erziehung im Landkreis Dahme-Spreewald

Im Landkreis Dahme-Spreewald wurden bereits vor längerer Zeit Methoden zur Beteiligung von Kindern und Jugendlichen etabliert. Im Jahr 2016 fand ein sehr lebendiger Erziehungshilfetag vom Land Brandenburg mit einem Forum für Kinder und Jugendliche statt. Das Ministerium stellte finanzielle Mittel zur Verfügung und fand einen Rahmen dafür, das erste Mal während einer Veranstaltung von Erwachsenen Kinder und Jugendliche zu hören und zu beteiligen. Die Kinder und Jugendlichen wünschten sich eine Fortführung dieses Prozesses, weil ihnen die Stunden, in denen sie sehr intensiv gearbeitet hatten, nicht ausreichten. Schon an diesem ersten Tag war es beeindruckend, wie mutig und engagiert die Kinder ihre Position zum Ausdruck brachten. Daraufhin wurde ein zweites Dialogforum geplant. Darüber bildete sich eine Arbeitsgruppe „Partizipation“ im Land Brandenburg, in der immer wieder Planungsprozesse angestoßen werden, um junge Menschen intensiv zu beteiligen.

Im Jahr 2017 wurde das zweite Beteiligungsforum veranstaltet. Dazu wurde auch eine Dokumentation erstellt. Hier haben 35 Kinder und Jugendliche zwei Tage lang in Workshops sehr intensiv gearbeitet. Im ersten Schritt fand ein Findungsprozess statt. Die Wünsche der jungen Menschen wurden zunächst gesammelt, nach Schwerpunkten sortiert und  anschließend wurde durch die Mitwirkenden jungen Menschen votiert.

 Ein Ergebnis des Workshops war der Wunsch nach einer Interessensorganisation, der sie den Namen Kinder- und Jugendrat geben wollten. Dieser Kinder- und Jugendrat wird sich in diesem Jahr (2018) im Rahmen des dritten Dialogforums gründen, das sich zurzeit in Planung befindet. Außerdem forderten sie ganz klar eine Stimme im Ministerium ein. Sie forderten einen Raum, Kommunikationsmöglichkeiten, Beratung und Unterstützung. Über die genannte Arbeitsgemeinschaft versuchen wir, diese Art der Beteiligung bis in die kleinsten Trägerstrukturen hinein zu etablieren, damit jedes Kind und Jugendlicher aus Hilfen zur Erziehung gehört wird.

Zu den Arbeitsgruppen im Kinderworkshop konnten sich die Kinder vorher selbst anmelden. Allerdings meldete mancher Einrichtungsleiter einfach drei Kinder an, was dazu führte, dass Kinder am Workshop mit der Begründung teilnahmen, ihre Erzieher hätten sie hergeschickt, damit sie wüssten, wie so etwas funktioniert. Andererseits gibt es Träger, die in ihrer praktischen Arbeit die Kinder sehr intensiv beteiligen. Das bedeutet, dass die Intensität der Beteiligung im Land Brandenburg insgesamt sehr unterschiedlich ausgeprägt ist. Die Kinder jedoch werden inzwischen mutiger.

Zur Auswertung des zweiten Dialogforums gab es eine Referentenrunde der Kinder. D. h., die Kinder wurden spontan auf die Bühne gebeten und stellten sich einer Befragung. Es würde schon uns Erwachsenen sehr schwer fallen, sich vor 80 Personen derart frei zu äußern. Das zeigt, dass die Kinder beteiligt und gefragt werden wollen und Lust haben, selbst an ihren Belangen zu arbeiten.

Im Landkreis Dahme Spreewald stand immer wieder auf der Agenda des Jugendamtes und der freien Träger, gemeinsam ein aktives Beteiligungsmodell zu finden. Nach dem ersten Dialogforum wurde daher die Idee zu einem ersten Kinderworkshop im Landkreis geboren. Dieser wurde 2017 unter dem Titel „Ich war dabei“ veranstaltet. Da dieser sehr intensiv und erfolgreich verlief, legten wir gleich mit einem zweiten Kinderworkshop nach, der explizit auf Kinder ausgerichtet war, die in stationären Einrichtungen untergebracht sind, weil sich die Beteiligung im ambulanten Bereich von der in stationärer Betreuung unterscheidet. 

Der erste Kinderworkshop mit dem Titel „Ich war dabei“ wurde mit Kindern aus allen Hilfeformen und allen Altersklassen ab 4 Jahren durchgeführt und dieser gestaltete sich äußerst aktiv. Der Prozess wurde u. a. mit dem Fachtag „Zielentwicklung der Fachkräfte“ weitergeführt. Dort wurden die Ergebnisse aus dem ersten Kinderworkshop den Fachkräften vorgestellt und diskutiert. Im Nachgang dieses Fachtags und im Dialogforum wurde der zweite Kinderworkshop organisiert. Schirmherr der Kinderworkshops war der Landrat, der den Kindern den Saal des Landkreistages zur Verfügung stellte. Es ist für die Kinder sehr wichtig zu sehen, dass sie tatsächlich ernst genommen werden. Die verschiedenen Workshops wurden von je einem/einer Sozialarbeiter/in aus dem ASD und einem/einer Mitarbeiter/in aus einem freien Träger geleitet. Damit wurde gesichert, dass die Ergebnisse direkt in die Trägereinrichtungen gebracht und andererseits im ASD auf breiter Ebene diskutiert werden können.  

Zeitgleich zum zweiten Kinderworkshop fand ein Erwachsenenworkshop unter Einbeziehung von Fachkräften aus Pädagogik, Politik und Jugendhilfeplanung, Qualitätsmanagament sowie aus der Einrichtungsaufsicht der Landes Brandenburg statt. In Brandenburg sprechen wir übrigens nicht mehr von Heimaufsicht, weil die Kinder in Gesprächsrunden mit Politik und Kindern den Begriff „Heim“ und „Heimkind“ als stigmatisierend empfinden und dies auch deutlich machten. So einigten wir uns auf den Begriff „Einrichtungsaufsicht“ und versuchen, nur noch von „Einrichtungen“ und „Wohnformen“ zu sprechen.

Der erste Kinderworkshop beinhaltete fünf Arbeitsgruppen mit unterschiedlichen Fragestellungen im Kontext der Hilfeplanung. An dieser Stelle sollen einige Antworten, die wir wörtlich übernahmen, als zusammenfassende Beispiele vorgestellt werden, weil sie sich mit vielen anderen Antworten decken:

Frage 1: Ist dir das Hilfeplangespräch wichtig?

  • Ja, weil man über Probleme reden kann.
  • Meine Zukunft ist im Hilfeplan wichtig.
  • Man lernt Dinge zu verändern…

Frage 2: Wie schaffst du es, dass deine Wünsche im HPG gehört werden? Was unterstützt dich dabei?

  • Meine Wünsche werden gehört.
  • Der Austausch mit Freunden, Eltern, Betreuern, Vertretern hilft.
  • Die Erwachsenen sollen auch mit mir sprechen…

Frage 3: Sollte das Hilfeplangespräch anders laufen? Wie sollte es sein, damit es für DICH ein richtig gutes Gespräch ist?

  • Humor – „Wir wollen auch lachen!“
  • Ich möchte zu Wort kommen.
  • Wir wollen wissen, was in dem Bericht über uns steht… (als klarer Auftrag, die Entwicklungsberichte mit den Kindern vorher abzustimmen)

Frage 4: Werden deine Meinung und deine Vorschläge berücksichtigt?

  • Ja: Kinder dürfen mitreden, Vorschläge werden umgesetzt, Meinungen und Wünsche werden gehört.
  • Nein: Kinder werden überhört, Gesagtes wird im Hilfeplanprotokoll anders formuliert, Entscheidungen werden über den Kopf hinweg getroffen

Frage 5:  Was sollte in einem Hilfeplangespräch auf keinen Fall passieren?

  • Ich möchte kein Hilfeplangespräch in fremder Umgebung (Es macht ihnen Angst, im Jugendamt zu sitzen. Wir versuchen, möglichst alle Gespräche in der Einrichtung durchzuführen.)
  • Keiner soll rausrennen und Türen knallen, außer man selbst.
  • Menschen, die nicht erwünscht sind, bleiben draußen (bspw. muss ein Lehrer nicht während des gesamten Gesprächs im Raum anwesend sein. Darauf achten wir.).
  • Es sollte nicht zu wenig Zeit da sein.
  • Ich möchte keine Angst haben müssen, in ein anderes Heim zu kommen…

Obwohl im Hilfeplankonzept explizit der Auftrag formuliert wurde, im Vorfeld mit den Kindern die Entwicklungsberichte ausführlich zu besprechen und gegenzeichnen zu lassen, ist das noch nicht überall selbstverständlich und daran müssen wir in der Diskussion mit den Trägern weiter arbeiten. Gleichzeitig sind die Träger in Bezug auf die Datenschutzregelungen im Umgang mit den Entwicklungsberichten beunruhigt. Es ist jeweils die Frage zu klären: Welche Informationen sind tatsächlich notwendig und was ist zweckmäßig?

Vor allem ältere Kinder und Jugendliche beschwerten sich darüber, dass ihre Äußerungen im Protokoll anders formuliert werden, weil es angeblich nur so formuliert werden könne. Diesen Punkt werden wir noch einmal gemeinsam kritisch diskutieren.

Die Antworten waren sehr aufschlussreich und es machte Freude, mit den Kindern in den Austausch zu gehen. Aus diesen Antworten bildeten wir Hypothesen, die Eingang in den Fachtag fanden.

Mit den Ergebnissen der Kinderworkshops und des Fachkräftetages gehen wir in den nächsten Prozess in den Jahren 2018/2019. Im November 2018 wird der nächste Workshop stattfinden, um Veränderungen im LDS zu analysieren. Zurzeit stehen wir in der Überarbeitung des Hilfeplanungskonzeptes, in dem Beteiligung deutlicher pointiert wird.

Beteiligung bedeutet Beziehungsarbeit. Beziehungsarbeit bedeutet Zeit und bindet Ressourcen, die teilweise nicht vorhanden sind. Daher sollte der Gesetzgeber darüber nachdenken, wie viel Beteiligung gewollt ist: Das, was wir tatsächlich unter Beteiligung verstehen, oder nur ein Anreißen? Wir im Landkreis Dahme-Spreewald vertreten die Position: Wir wollen richtig beteiligen.

Andrea Krause
Amt für Kinder, Jugend und Familie
Allgemeiner Sozialer Dienst/Familiengerichtshilfe/gAVS
Sachgebietsleiterin 51.6
Beethovenweg 14
15907 Lübben
Tel. 03546-202536
Fax. 03546-201850

2017 hat man sich auf den Weg gemacht, die Methoden zur Beteiligung von Kindern und Jugendlichen im Landkreis Dahme-Spreewald zu evaluieren, mit dem Ziel, das Konzept der Hilfeplanung zu überarbeiten, außerdem die Politik miteinzubinden und ein Bewusstsein für den Sinn und die Bedeutung von Beteiligung zu schaffen. Der Evaluationsprozess wurde vom Jugendamt und freien Trägern im Landkreis gemeinsam durchgeführt. 

Region
Landkreis Dahme-Spreewald
Bundesland
Brandenburg
Laufzeit
01.2016
Stand der Informationen
25.04.2023